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Rudolf Steiners Lehren zum "Geistigen Schauen" lassen sich nicht nur ganz hervorragend auf die Programmiertätigkeit anwenden, sie können vielmehr überhaupt dazu verhelfen, "Sinnvolle" Computerprogramme zu schreiben, welche die darzustellenden und zu verarbeitenden Vorgänge so aufbereiten, dass sie sich organisch in den natürlichen Arbeitsfluss einfügen, ohne diesen durch unnatürliche Abstraktionen zu unterbrechen.

Ich beginne hier am besten wohl mit einem praktischen Beispiel:

Rudolf Steiner beschreibt u.a. die Übungspraxis, ein Samenkorn über längere Zeit intensiv zu beschauen und sich in sein Wesen zu vertiefen. So erlangt man schließlich ein tiefes Verständnis von allen Naturkräften, die dieses Samenkorn gestalten, sowie zu allen Zeiten gestaltet haben oder gestalten werden. Damit erscheint einem dieses Samenkorn und alles was es je war und sein wird, als eine Art Plan vor dem geistigen Auge. Der Buddhismus, in dem ich mich religiös beheimatet fühle, kennt übrigens sehr ähnliche Meditationspraktiken, welche ich ebenfalls übe.

Genau diese Übungspraxis ist es, welche ich nun bei meiner täglichen Arbeit als Programmierer walten lasse. Wenn ich ein neues Projekt beginne, so verschaffe ich mir zunächst ein möglichst umfassendes Bild der potentiellen Anwendergruppe und ihrer alltäglichen Arbeitsumgebung.  Dann meditiere ich über alle gewonnenen Eindrücke, vertiefe mich lebendig schauend in alle einzelnen Aspekte sowie ihr organisches Zusammenwirken und lasse so ein lebendiges, konkretes Bild des alltäglichen Treibens in der zukünftigen Arbeitsumgebung meines Programms vor dem geistigen Auge entstehen. Mit diesem Bild mache ich mich dann an die Arbeit und gestalte das Programm so, dass es sich möglichst gemäß der Natur seiner Umgebung und den Bedürfnissen seiner Anwender nahtlos in das Geschehen einfügt, gleich einem einfachen physikalischen Werkzeug wie einem Rechen oder einem Pflug, dessen Funktionsweise sich dem Anwender schon aufgrund seiner Beschaffenheit aus sich selbst heraus erschließt.

Dieses Bild vertiefe ich dann im Laufe der Arbeit, nicht nur indem ich neu gewonnene Informationen hinzufüge, sondern auch indem ich meinem geistigen Bild das Programm hinzufüge und beobachte, wie es sich in die Umgebung integriert. Dabei gewinne ich oft wertvolle Informationen über Anforderungen und Bedürfnisse, die in den mir bis dahin praktisch vorliegenden "Rohinformationen" nicht enthalten sind und teilweise auch noch garnicht enthalten sein können. Im Grunde kann man sagen, dass ich mich während der Arbeit an einem Programm (abgesehen von Kaffepausen) praktisch durchgehend in diesem lebendigen Bild "bewege" und jeden Schritt meines Schaffens unmittelbar in dieses Bild hinein modelliere.

Im Falle des hier entstehenden Programms hatte ich relativ leichtes Spiel, da ich selbst (leider nur) 10 Jahre Waldorfschüler war und das oben gesagte auf dieses Programm angewendet, erzeugt fast schon eine endlos in sich redundante Gedankenrekursion. Außerdem habe ich 2 Waldorflehrer in meiner näheren Verwandtschaft, mit denen ich in laufendem Kontakt stehe und von denen einer sogar an seiner Schule mit der Stundenplanung befasst ist. So war es für mich denn auch zwingend, die Herausforderung anzunhemen, dieses Programm zu entwickeln. Mehr dazu unter Das Projekt.

So wandele ich also geistig durch alle Waldorfschulen die mir etwas vertrauter sind, schaue dem Schulalltag zu und begebe mich in die Lehrerzimmer, wo ich der Stundenplanung zuschaue, sowohl jetzt, als auch später mit meinem Programm. Mit etwas Heiterkeit sei hier gleich beruhigend hinzugefügt, dass ich Ihnen dabei nicht etwa als für Sie präsentes Geistwesen konkret über die Schulter schaue, ebensowenig wie Rudolf Steiner bei der Anschauung des Samenkorns konkret vor der physischen Pflanze steht, wenn er sie in dem vor ihm liegenden Samenkorn schaut. Er schaut in dem Moment vielmehr eben eine Art Plan, ein "so wie", das nebenbei bemerkt natürlich je nach Übung und Talent des praktizierenden unterschiedlich "scharf", also exakt ist, so wie ein ungeübtes Auge beim Studieren eines Bauplans für eine Maschine nicht so viel wahrnimmt, wie das eines entsprechenden Ingenieurs.

Nun möchte ich das Augenmerk nochmal auf den Schwerpunkt lenken, warum dies alles nun für die Arbeit bei der Programmierung, oder vielmehr in der Informatik ganz allgemein so besonders wertvoll ist: Wie in der Einführung schon angedeutet, ist die Informatik als Abkömmling der Mathematik oft sehr abstrakt. Darin liegen aber gerade auch ihre besonderen Potentiale. Informatik ist ein menschliches Betätigungsfeld, das einige ganz bemerkenswerte Eigenschaften aufweist, die teilweise so noch nie, oder zumindest noch nicht in der Konzentration oder Kontrastierung in Menschlichen aktivitäten stattgefunden haben. Ich denke die Wesentlichste Eigenschaft, welche die Informatik aus allen bisherigen Wissenschaftsbereichen heraushebt, ist die Brücke, welche sie zwischen der Geistigen und der Physischen Welt schlägt. Die Informatik versetzt uns in die Lage, rein geistige Vorgänge bildgebend darzustellen und mittels dieser Bilder sogar interaktiv mit den geistigen Vorgängen in der physischen Welt zu agieren. So können mittels der Informatik also Informationen in der physischen Welt bildhaft erlebbar werden, die bislang ausschließlich in der geistigen Welt stattgefunden haben. Ideen können konkrete Gestalt annehmen, welche mit physikalischen Mitteln bislang nicht realisierbar waren.

Damit schlägt die Informatik unschätzbare Brücken zwischen fast allen Wissenschaften und das gleich in vielen Bereichen. Nehmen wir mal ein Beispiel, das gerade für die Anthroposophie sehr interesssant sein müsste: Im Bereich der bilgebenden Verfahren zur Beobachung natürlicher Prozesse, erschließt die Informatik ganz neue Dimensionen. So lässt sich mit ihren Mitteln praktisch jeder beliebige Vorgang nicht nur auf allen Sinnesebenen erlebbar machen, sondern auch noch in jeden gewünschten Metaphorischen Kontext bringen. So lassen sich z.B. Wachstumsprozesse von Pflanzen als eine Form von "Musik" abbilden, oder die Schallwellen von Musik nehmen bildhafte Gestalt an. Zahlen werden in Bilder umgewandelt, Bilder in Zahlen, Ideen in Bilder oder Klänge.

Wo so viel Flexibilität ist, besteht eben auch die Gefahr, dass man als Fachkraft in diesem Gebiet schnell "abhebt" und ähnlich "realitätsentfremdet" agiert wie mancher Mathematiker. So entstehen dann massenweise Computerprogramme, die extrem ausgeklügelt sein mögen, die aber kein Mensch im Alltag mehr versteht, da sie sich begrifflich und bildlich fast nur noch im Gebiet der Informatik bewegen. Dies ist also keineswegs ein Problem welches der Informatik naturgemäß imanent ist, es ist lediglich eine in ihrem Wesen bedingte Falle, in die man als Programmierer leicht hineintappen kann. Gelingt es einem, auch nach vielen Jahren der Berufspraxis auf diesem Gebiet, dieser Falle zu entgehen und sich eine lebendige Vostellung von den Anforderungen jenseits der Aspekte reiner Informatik zu machen, dann kann eben dieses flexible "Werkzeug" dazu verhelfen, Arbeitsabläufe im Alltag tatsächlich zu erleichtern und nicht nur aus dem versierten Blickwinkel eines geübten Informatikers. Dazu kann das geistige Schauen in der oben beschriebenen Weise unschätzbare Dienste leisten.

Ich könnte zu diesem Thema noch viel mehr schreiben, werde dies sicher auch noch tun, vorerst möchte ich diese Einführung aber damit schließen. Ich hoffe das dieser kleine Einblick in meine Arbeitsweise interessant und aufschlußreich war und für den einen oder anderen ja vielleicht sogar inspirierend.

Rainer Haage